BIM-MAGAZIN: Sehr geehrter Herr Präsident Müller, seit der Freigabe von ChatGPT im November 2022 verbreitete sich dessen Nutzung und die anderer generativer KI mit nie gekannter Dynamik – auch im digitalen Bauwesen. Heute haben viele Ingenieur- und Architekturbüros die damit einhergehenden Chancen erkannt, auch werden zahlreiche neue bauspezifische KI-Anwendungen angeboten. Doch wie so oft bei neuen Technologien bestehen auch hier generelle Risiken. Welche sind aus Ihrer Sicht die bedeutendsten?
Klaus Müller: Generative KI bietet auch für das Bauwesen große Chancen. Ich denke hier etwa an effizientere Prozesse, die Automatisierung von Routineaufgaben oder kreative Lösungsansätze. Gleichzeitig müssen wir die damit verbundenen Herausforderungen ernst nehmen und gezielt adressieren. Dazu gehören insbesondere Fragen der Transparenz oder mögliche Verzerrungen: Assistenzsysteme können bestehende Überzeugungen verstärken, statt zu objektiven Ergebnissen zu führen. Zudem fehlt es Sprachmodellen oft an spezifischem Fachwissen für komplexe Zusammenhänge. Entscheidend sind daher auch in der Baubranche eine solide Datenbasis und die klare Einbindung menschlicher Expertise.
BIM-MAGAZIN: Mit Artikel 4 der europäischen KI-Verordnung soll ein stärkeres Bewusstsein für Chancen undRisiken von KI-Anwendungen angeregt werden. Dazu besteht seit Februar 2025 eine Schulungspflicht. Allein im Bauhaupt- und Ausbaugewerbe gibt es ca. 350.000 Unternehmen mit etwa 1 Millionen Mitarbeitern. Müssen sich tatsächlich alle schulen lassen?
Klaus Müller: Die KI-Verordnung verlangt, dass Organisationen sicherstellen, dass alle Personen, die in ihrem Auftrag KI-Systeme betreiben oder nutzen, über ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz verfügen. Das heißt ausdrücklich nicht, dass sich jeder Mitarbeiter im Bauwesen zu einem KI-Experten ausbilden muss. Vielmehr geht es um ein Grundverständnis: zu wissen, wie KI grundsätzlich funktioniert und die Ergebnisse kritisch hinterfragen zu können. Das ist essentiell, um Risiken zu minimieren, Vorgaben zu verstehen und die KI verantwortungsvoll einzusetzen.